Radio hat...              ...die schöneren Bilder.






"Man nimmt sich einmal nicht in acht, und schwupps!, ist man zur Welt gebracht." Dieses Wort von Wilhelm Busch findet nicht einmal Google. Und doch kommt es täglich vor; mir geschehen am 5. Dezember 1961 in Aachen. Der Rest ist Geschichte und die steht hier:

1982: Abitur. Der Direktor sucht ein Zeugnis aus dem Stapel und legt es zuunterst. Meins. Pure Schikane und der blanke Neid, dass ich bundesweit Vorreiter für den schulfreien Samstag war und den Abschluss trotzdem geschafft habe. Gleich noch ein Sieg im selben Jahr, ich gewinne vor dem Aachener Verwaltungsgericht gegen die Bundesrepublik Deutschland, die mich bewaffnet zum Hindukusch oder wohin auch immer schicken will. Stattdessen: Zivildienst beim Sozialdienst katholischer Männer, SKM. Was gibt´s da zu lachen?

1985: Ich bestehe die einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer in Düsseldorf summa cum laude. Samstags war aber auch nie Unterricht.

1986: Dafür muss man nach der Ausbildung in den städtischen Altenheimen samstags arbeiten. Auch doof. Ich reduziere auf halbtags und gebe Unterricht für Bass und Musiktheorie. Ein paar gute Bücher bringen mir bei, was meine Musiklehrer (Abiturfach!) nie zu vermitteln imstande waren. Erste Band-Erfahrungen.

1988: Aus gesundheitlichen Gründen den knallharten und schmerzlich unterbezahlten Job geschmissen und ein kurzes Intermezzo an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung eingelegt (ein Professor: "Flachdachschule für öffentliche Verschwendung"). Was als Studium für den Gehobenen Dienst ausgewiesen ist, entpuppt sich als Beamten-Berufsschule für Niedere Beweggründe. Düsseldorf halt. Das Fach Ökonomie wurde von einem FDP-Mann unterrichtet.

1989: Nur wenige Monate vor dem Fall der Mauer nach Berlin. Ausgerechnet in einer Junkie-WG in Moabit gelandet, mit Blick auf den Knast, in dem ein gewisser Erich H. aus der DDR kurz darauf einsitzt. Eklatanter Wohnungsmangel durch skrupellose Spekulanten; wegen olfaktorischer und linguistischer Vorbehalte aber kein Interesse an der Hausbesetzer-Szene.

1990: Umzug nach Wedding, Soldiner Straße. In den braunen (!) Lack auf den Kacheln des Ofens ist ein Hakenkreuz geritzt. Immerhin braucht man den Müll nicht oft rauszutragen, den fressen die Ratten gleich in der Wohnung. Der Vermieter schuldet mir bis heute die Kaution. 10. November: Die Stadt ist so überfüllt, dass ich mein Auto, nachdem es in einer ganzen Stunde 15 Meter weiter ging, auf der Kreuzberger Wilhelmstraße einfach in der Fahrspur stehen lasse und zu Fuß weitergehe. Als ich den Wagen nach drei Tagen vermisse, steht er immer noch dort, mitten auf der Fahrbahn, und ich hatte nicht mal ein Ticket bekommen.

1992: In eine nette Männer-WG in der selben Straße, der Soldiner, gezogen. Diesmal keine Junkie-Behausung, sondern komfortable 180 Quadratmeter für drei Jungs und 330 DM pro Nase und Monat, zentralbeheizt. Geht doch. Jura-Studium angefangen. "Gerechtigkeit kommt nicht dran!", ist der erste Satz, den ich in der Begrüßungs-Vorlesung von Prof. Uwe Wesel zu hören bekomme. Er sollte Recht behalten, der alte RAF-Anwalt, nach zwei Jahren noch immer keine Vorlesung zum Thema Gerechtigkeit. Aber ausgerechnet Uwe Wesel unterstützt zeitgleich beim Wahlkampf die Berliner SPD, bei der Gerechtigkeit bekanntlich auch schon lange nicht mehr dran kommt. Immerhin Freude darüber, dass ich mein Bafög schon 2010, mit knapp 49 Jahren, abbezahlt haben werde.

1993: Jura-Studium summa cum laude abgebrochen. Viele Bassschüler und Beginn einer längeren Zusammenarbeit als Bassist mit mehreren afrikanischen Bands: Griot Music Company, Senegal; Salamat, Ägypten; und Buba Jammeh, Gambia. Beginn der Arbeit am Buch "Modern African Bass". Die Leiche liegt noch heute im Keller. Nebenbei Flugzeugputzer in Tegel, Fensterlackierer in Kreuzberg,  Postschalter-Aushilfe in Moabit, Küchenassel in einer Kneipe im Wedding.

1994: Im Oktober geht SFB4 Radio Multikulti auf Sendung, Deutschlands erstes Weltmusik-Vollprogramm. Die Euphorie des Musikchefs Johannes Theurer bei der Inaugurations-Feier im Haus der Kulturen der Welt schamlos ausgenutzt und meine erste Radiosendung vereinbart: afrikanische Bassisten, zwei Stunden. Kurz darauf als freier Mitarbeiter eben jenes Kulturhauses den Kulturminister Madagaskars und den Chef von Air Madagaskar kennengelernt und sie im Tacheles mit der deutschen Trinkkultur vertraut gemacht.

1995: Lohn des Gelages: ein Freiflug nach Madagaskar zu Forschungszwecken. Kurz darauf die Ergebnisse bei Radio Multikulti präsentiert, zwei Stunden. Dort werde ich im Oktober gefragt, ob ich mir eine live-Sendung zutraue. Einfach mal gelogen und "Klar!" gesagt. In den nächsten eineinhalb Jahren fast 400 Stunden live hinter dem Mikrophon gesessen. Abschluss: Facharzt für Weltmusik.

1997: Für meine bisherigen Verhältnisse ungewohnter Wohlstand: nagelneues Motorrad gekauft, vier Wochen durch Südafrika gereist und immer noch nicht pleite. Dann aber: Querelen mit einem Redakteur und eigene Schusseligkeit führen im Juni zum Ende der Mitarbeit bei Radio Multikulti. Dumm gelaufen. Bei African Dance Records als Presse-Attaché eingestiegen.

1999: Ein Computer, ein kostenloses Audio-Testprogramm und ein Mikrophon bringen mich zurück ins Rundfunkgeschäft. Ab Mai wöchentlich die Worldmusic-Charts Europe 30 Minuten bei WDR Funkhaus Europa, ab Juli monatlich eine Stunde zum selben Thema bei SWR2. Beginn der Arbeit als Redakteur beim Musikmagazin Folker!.

2001: Am 11. September stürzen in New York einige Häuser ein, manche davon ohne ersichtlichen Grund. Im Pentagon ist ein Loch, durch das gerade mal ein LKW passt, aber keine Passagiermaschine. Das vierte Flugzeug stürzt ab, ohne Trümmer zu hinterlassen. Viele Menschen sterben auf schreckliche Weise. Eine Ernst zu nehmende Untersuchung aber findet nie statt. Das Datum hingegen wird der gesamten Welt eingebrannt. Wann war nochmal Hiroshima?

2002: Neben vielen Rundfunkjobs zusätzlich die Leitung der Pressearbeit bei Transatlantico für das Museumsinsel-Festival übernommen. Die Firma muss kurz nach Abschluss des Festivals Konkurs anmelden.

2003-2008: Etliche Rundfunkredaktionen innerhalb der ARD überzeugt und hunderte Beiträge und Sendungen produziert. Moderation des Festivals Blue Wave in Binz/Rügen. Tätigkeit als Redakteur beim Folker! beendet.

2009: Zurzeit, siehe Referenzen, tätig für fast ein Dutzend öffentlich-rechtlicher Wellen und deutlich mehr Redaktionen.


Foto: Volker Roloff, www.volkerroloff.de